Definitionen: Was bedeutet Autonomie beim Sprachenlernen?
Autonomie ist ein vielfältiger Begriff, der aus unterschiedlichen Perspektiven definiert wird. Hier führen wir auf, was wir mit dem Begriff verbinden, und was ausdrücklich nicht:

Autonomie ...
- umfasst in erster Linie eine Fähigkeit
- bewegt sich auf einem Kontinuum zwischen Selbst- und Fremdbestimmung
- ist nicht ein für alle mal erreicht
- entwickelt sich (idealerweise) parallel zum Lernprozess
- enthält kollaborative und kooperative Elemente
- ist kontextabhängig
- setzt Reflexion und kritisches Denken voraus
- setzt die Fähigkeit voraus, Möglichkeiten, Lerngelegenheiten, Freiräume zu erkennen und zu nutzen.

Autonomie …
- ist keine Lernform
- ist keine Lernmethode
- ist kein Ziel für sich. Vielmehr unterstützt und begleitet sie inhaltliche Lernprozesse
Autonom Lernen heißt nicht …
- alleine lernen
- autodidaktisch lernen
- ohne Lehrkraft lernen
- unstrukturiert lernen

Unsere Definition: Autonomie beim Sprachenlernen
(Lern-)Autonomie bezeichnet die Fähigkeit und die Bereitschaft, Kontrolle über sämtliche Aspekte des eigenen Lernens zu übernehmen. Dazu gehören:
- Festlegung der Ziele
- Festlegung der Inhalte und der Progression
- Wahrnehmung (erkennen und nutzen) vorhandener (externer und eigener, persönlicher) Ressourcen
- Auswahl von Materialien, Methoden und Techniken
- Entscheidung über Zusammenarbeit mit Lernpartner*innen, Lernberater*innen und Lehrenden
- Reflexion über den Lernprozess
- Steuerung bzw. Nachsteuerung des Lernprozesses (Rhythmus, Zeit, Ort, etc.)
- Wahrnehmung und Regulierung von Emotionen und Gefühlen beim Lernprozess
- Gestaltung des Lernprozesses im Einklang mit dem Kontext (institutionellen und sozialen Kontext), in dem man lernt
- Evaluation des Erlernten
- Übertragung des Erlernten bzw. der Lernerfahrung auf andere Bereiche
Weitere Definitionen
Auch andere haben sich den Kopf zerbrochen über den Autonomie-Begriff. Hier geben wir einen kleinen Überblick von Definitionen, die aus dem Bereich des Fremdsprachenlernens stammen. Unserer Meinung nach gibt es dabei drei unterschiedliche Ansätze:
Individuelle Faktoren
Henri Holec (1979) liefert die klassische Definition
Die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen […]” Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen und auszuüben heißt, Verantwortung für alle Entscheidungen bezüglich aller Aspekte des Lernprozesses zu übernehmen, d. h.:
- Festlegung der Ziele
- Festlegung der Inhalte und der Progression
- Auswahl der Methoden und Techniken
- Kontrolle über den Verlauf des Lernprozesses (Rhythmus, Zeit, Ort, etc.)
- Evaluation des Erlernten.
– Holec 1979: 4 (Übersetzung von uns)
Originalzitat
- la détermination des objectifs
- la définition des contenus et des progressions
- la sélection des méthodes et techniques à mettre en oeuvre
- le contrôle du déroulement de l’acquisition proprement dite (rythme, moment, lieu, etc.)
- l’évaluation de l’acquisition réalisée.”
(Holec 1979: 4)
David Little (1991) sieht Autonomie als eine Fähigkeit
Im Wesentlichen ist Autonomie eine Fähigkeit – zu Distanz, kritischer Reflexion, Entscheidungsfindung und selbstständigem Handeln. Sie setzt […] eine besondere Art psychologischer Beziehung zu Lernprozess und Lerninhalt voraus.
– Little 1991: 4 (Übersetzung von uns)
Originalzitat (länger)
Phil Benson (2011) betont die aktive Rolle der Lernenden
Die Fähigkeit, “Kontrolle über das eigene Lernen zu übernehmen” Kontrolle über
- den kognitiven Prozess
- den Lerninhalt
- die Lerngestaltung bzw. das Lernverhalten
– Benson 2011: 61 (Übersetzung von uns)
Originalzitat
David Little (2020) betont die Entwicklung der Agency in der Zielsprache
Unter ‘Sprachlernautonomie’ verstehe ich eine Lehr-/Lern-Dynamik, bei der die Lernenden ihr eigenes Lernen planen, umsetzen, überwachen und bewerten. Von Anfang an tun sie dies so weit wie möglich in der Zielsprache, die so zu einem Kanal ihrer individuellen und kooperativen Agency wird. Durch die Ausübung ihrer Handlungskompetenz in der Zielsprache entwickeln sie allmählich eine Kompetenz, die nicht nur kommunikativ, sondern auch reflexiv ist, und die Zielsprache wird zu einem vollständig integrierten Teil ihres mehrsprachigen Repertoires und ihrer Identität.
– Little 2020: 1 (Übersetzung von uns)
Originalzitat
Garold Murray (2017) verbindet Autonomie mit persönlichen Lebenszielen
Autonom Lernende haben Ziele: Lebensziele (Palfreyman, 2014). Ihre Ziele scheinen mit einer Vision der Person verbunden zu sein, die sie zu werden hoffen. Diese Beobachtung führt zu der Erkenntnis, dass Autonomie – die Übernahme von Verantwortung für das eigene Lernen – mit Veränderung zu tun hat, mit dem Wunsch, das eigene Leben zu verändern.
– Murray 2017: 116-134 (Übersetzung von uns)
Originalzitat
Soziale Faktoren
Leni Dam et al. (1990) legt den Fokus auf die Beteiligung und die Interaktion im Unterricht
Lernerautonomie ist gekennzeichnet durch die Bereitschaft, das eigene Lernen im Dienste der eigenen Bedürfnisse und Ziele selbst in die Hand zu nehmen. Dies setzt die Fähigkeit und Bereitschaft voraus, unabhängig und in Zusammenarbeit mit anderen als soziale, verantwortliche Person zu handeln. Autonome Lernende nehmen aktiv am Unterricht teil und interpretieren aktiv neue Informationen, abhängig von individuellen Vorkenntnissen und verarbeiten neue Informationen aktiv. […] Autonome Lernende wissen, wie man lernt, und können dieses Wissen in verschiedenen Situationen anwenden.
Das bedeutet: Autonome Lernende…
- nehmen aktiv am unterrichtlichen Lernen teil
- sind in der Lage kritisch zu reflektieren
- wissen, wie sie lernen
– Dam et al. 1990: 102 (Übersetzung von uns)
Originalzitat
Christine O’Leary (2014) betont emotionale und affektive Aspekte, Kooperations- und Konfliktlösungsfähigkeit
Autonomie beim Sprachenlernen in formalen institutionellen Kontexten hängt von der Entwicklung der psychologischen und emotionalen Fähigkeit der Lernenden ab, ihr eigenes Lernen durch selbstständiges Handeln sowohl innerhalb als auch außerhalb des Klassenzimmers zu kontrollieren und gemeinsam mit Lehrpersonen und anderen Lernenden eine reichhaltige und kollegiale Lernumgebung zu kreieren
– O’Leary 2014:20 (Übersetzung von uns)
Originalzitat
Komplexe Zusammenhänge
Dietmar Tatzl (2016) erweitert die soziale Dimension noch um den Kontext
Die Entwicklung von Lernerautonomie hängt nicht nur von Individuen ab, sondern entsteht aus der Interaktion unter Individuen und zwischen den Individuen und den Anforderungen des institutionellen bzw. des sozialen Kontexts: Lehrende, Lernende, institutionelle Bedingungen, soziale und kulturelle Aspekte, Ressourcen spielen dabei eine Rolle.
– vgl. Tatzl 2016: 47 (Übersetzung von uns)
Originalzitat (länger)
In ihrem komplexen dynamischen Modell betont Larissa Borges (2022) die dynamische Natur der Autonomieentwicklung:
Ich vertrete die Auffassung, dass die Autonomieentwicklung ein komplexer, dynamischer und fluktuierender Prozess ist, bei dem ein Endpunkt nicht definiert werden kann, da Autonomie während des gesamten Lebens auf nichtlineare und kontinuierliche Weise erlebt wird, mit Momenten des Fortschritts, der Stabilität sowie Rückschlägen, die die Interaktion zwischen einer großen Anzahl von Prozessen, Elementen, Akteuren und anderen Subsystemen beinhalten.
– Borges 2022: 203-204
Originalzitat
Maria Giovanna Tassinari (2022) hebt die Mehrdimensionalität von Autonomie hervor
Autonomie ist die Fähigkeit der Lernenden bzw. der Lehrenden, in verschiedenen (Lern- bzw. Lehr-) Situationen, (den eigenen Bedürfnissen und Motivation entsprechend) selbstbestimmt zu handeln, und eigene Ressourcen zu mobilisieren, um Freiräume zu erkennen, zu nutzen und zu erweitern. Autonomie ist ein mehrdimensionales Konstrukt und enthält:
eine kognitive und eine metakognitive Dimension
eine handlungsorientierte Dimension
eine motivationale Dimension
eine soziale Dimension
eine affektive Dimension
Autonomie hängt nicht nur vom einzelnen Individuum ab, sondern entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Akteure in verschiedenen Settings bzw. Kontexten.
– Tassinari 2022 (bisher unveröffentlicht)